Die Langfristzinsen sind innerhalb kurzer Zeit stark gestiegen: Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen legte seit dem 1. März um mehr als 160 Basispunkte zu, die deutscher Staatsanleihen um etwa 120 Basispunkte. Dabei handelt es sich um den Ausdruck einer Neubewertung des Zinsniveaus durch die Marktteilnehmer unter dem Eindruck grundsätzlich veränderter Rahmenbedingungen. Diese Neubewertung vollzieht sich bereits seit einigen Jahren: Spätestens 2022 war klar, dass die lange Phase sinkender Zinsen und eines in der Konsequenz sehr niedrigen Zinsniveaus beendet war.
Drei Faktoren spielen für diesen Neubewertungsprozess eine wesentliche Rolle: Erstens ist Inflation wieder ein Thema. In den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts sorgten Globalisierungsprozesse dafür, dass die Inflation selten über die 2-Prozent-Marke stieg. Infolge geopolitischer Fragmentierung, vielfach zu beobachtender De-Globalisierung und demographischer Entwicklungen ist mit strukturell höheren Inflationsraten zu rechnen.
Energiepreisschocks wie im laufenden Jahr sind ein zusätzlicher Faktor, der die Inflation über die 2-Prozent-Marke treibt und die Notenbanken damit unter Druck setzt. Die Notenbanken selbst, und das ist die zweite Triebkraft hinter dem Zinsanstieg, müssen dadurch ihre Rolle und ihre Politik anpassen. Insbesondere mit Blick auf die US-Notenbank Fed bestehen bezüglich Art und Umfang dieser Anpassung erhebliche Unsicherheiten. Ob sich diese auflösen, wenn die von Fed-Chef Kevin Warsh eingesetzten Arbeitsgruppen zum Jahresende ihre Ergebnisse vorlegen, bleibt abzuwarten.
Der dritte Faktor ist die Staatsverschuldung. Diese war zwar auch vor 2022 schon vielfach auf nicht nachhaltigen Niveaus. Fiskalpolitische Programme im Zuge der Corona-Pandemie und geopolitisch motivierte zusätzliche Verteidigungsausgaben haben das Problem aber weiter verschärft. Dabei spielten zum Teil auch neue Theorieansätze, die – mehr oder weniger ideologisch angetrieben – zu begründen versuchen, dass höhere Staatsausgaben und -schulden unproblematisch seien, eine Rolle. Jeder zusätzliche Basispunkt, den die Finanzminister für neu begebene Anleihen bieten müssen, damit diese genügend Abnehmer finden, spitzt die Lage weiter zu (und zeigt nebenbei, dass wesentliche Grundlagen der Modern Monetary Theory falsch sind).
In den zurückliegenden Wochen war aber ein weiterer Faktor wesentlich für den Zinsanstieg verantwortlich: Dass die Hyperscaler ihre hohen Investitionen zunehmend mit Fremdkapital finanzieren statt wie vorher aus dem Cash Flow, verschärft die Konkurrenz um knappes Kapital. Dies führt wie üblich in Marktprozessen zu höheren Preisen, also steigenden Zinsen.
Alle genannten Faktoren bleiben vorerst wirksam. Ein grundlegender Trendwechsel zu sinkenden Zinsen ist deshalb nicht zu erwarten. Der Spielraum für weiter steigende Zinsen dürfte aber ebenfalls begrenzt sein: Steigt der Preis für knappes Kapital weiter, werden immer mehr Investitionsvorhaben unrentabel. Betroffen sind sicher nicht zuerst die Hyperscaler. Deren Investitionen in KI-Infrastruktur sind mit hohen Gewinnerwartungen verbunden, und deshalb würden sie auch bei noch höheren Zinsen weiter investieren. In der übrigen Realwirtschaft dürften sich hingegen Bremsspuren zeigen, wenn bestimmte Zinsniveaus überschritten werden. Die geringere Nachfrage nach Kapital würde dessen Preis sinken lassen, hätte aber auch signifikant negative Auswirkungen auf die Wachstumsdynamik. Bislang gibt es kaum Anzeichen dafür, dass ein solcher Prozess bereits begonnen hat. Für die absehbare Zukunft bleibt das aber ein realistisches Szenario, das Beachtung verdient.
Sinkende Zinsen könnten auch aus hohen Produktivitätsgewinnen resultieren, wie sie als Folge der KI-Investitionen erhofft werden. Daraus würden disinflationäre Prozesse und eine weiter steigende Wachstumsdynamik folgen. Längerfristig ist das durchaus realistisch. Es gibt aber bislang keine Anzeichen dafür, dass dieses Szenario zeitnah eintritt.
Eine grundlegend veränderte Fiskalpolitik mit dem Ziel solider Staatsfinanzen würde auf lange Sicht natürlich auch den Zinsdruck mindern. Dass es dazu kommt, ist allerdings nicht abzusehen – weder in den USA noch in Europa. Wie schwierig es ist, einen solchen Prozess in Gang zu setzen, kann man gerade in Frankreich beobachten. Als „Lösung“ steht deshalb finanzielle Repression im Raum, also die Begrenzung des Zinsniveaus durch staatliche Maßnahmen, meistens unter Mithilfe der Notenbanken.
Vorerst dürfte das Zinsniveau, abgesehen von üblichen Schwankungen, hoch bleiben. Während das Potenzial für einen weiteren Anstieg begrenzt ist, ist eine allgemeine Trendumkehr nach unten ebenso wenig wahrscheinlich – und falls sie doch einträte, wäre sie mit einer generellen Eintrübung des fundamentalen Umfelds für die Kapitalmärkte verbunden.
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